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Presse
01.09.2017 | Frankfurter Rundschau/Claudia Kobel
Zwischen Weltraum und Pferdekoppel
Im Wahlkreis 186 Darmstadt ist großes Vermittlungsgeschick zwischen Land und Stadt gefragt.
Europas Tor zum Weltraum steht in Darmstadt und damit im Wahlkreis 186, der heterogener kaum sein könnte. Im Wahlkreis hat nicht nur das Kontrollzentrum der europäischen Weltraumagentur Esa seinen Sitz. In der Wissenschaftsstadt studieren derzeit 40.000 junge Menschen, zahlreiche Forschungseinrichtungen, kulturelle Angebote und Industriekonzerne sind hier ansässig. 
Vor kurzem gewann Darmstadt den Titel Digitalstadt. Passenderweise ist die bisherige Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Brigitte Zypries (SPD) Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt. Im Januar wurde sie Bundesministerin für Wirtschaft, hatte allerdings bereits zuvor angekündigt, nach zwölf Jahren Direktmandat das Feld jetzt Jüngeren zu überlassen. Bemerkenswert, dass die gebürtige Kasselerin und ehemalige Bundesjustizministerin (2002 bis 2009) dreimal das Direktmandat gewann, obwohl der Wahlkreis bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen an die CDU ging.

 Eine Stadt - und viele kleine Dörfer

Weniger als die Hälfte der 340.000 Einwohner des Wahlkreises – nämlich knapp 160.000 – leben in der kreisfreien Stadt Darmstadt, die Sitz des Regierungspräsidenten und südliches Oberzentrum der Metropolregion Rhein-Main ist. Der Rest verteilt sich auf 14 Städte und Gemeinden des westlichen Landkreises Darmstadt-Dieburg.

Darunter sind etwa Messel mit dem Unesco-Welterbe Grube Messel, Gewerbemagnet Weiterstadt mit seinen Gewerbesteuereinnahmen im zweistelligen Millionenbereich, aber auch kleine Ortschaften wie das 142 Einwohner zählende Neunkirchen (Modautal) am Hang der Neunkirchner Höh’, der höchsten Erhebung des hessischen Odenwaldes. Von hier blickt man aus über 500 Metern Höhe bis Frankfurt. Hier ticken die Uhren ein bisschen langsamer. Und während Darmstadt eine prosperierende, aber trotz sprudelnder Einnahmen stark verschuldete Großstadt ist, die unter 60.000 täglich einströmenden Berufspendlern zu kollabieren droht, gehören Traktoren und Pferdeweiden in den teils ländlich geprägten Kommunen des Wahlkreises zum Alltag.
 

Heterogene Problemfelder

Mit 5,3 Prozent lag die Arbeitslosenquote im Wahlkreis im März 2017 etwas unter dem Bundesdurchschnitt von 5,8 Prozent im gleichen Zeitraum. Der Ausländeranteil lag bei 15,2 Prozent, 26,9 Prozent haben einen Migrationshintergrund (Stand 2015). Fast die Hälfte der Schulabgänger verfügt über die allgemeine oder die Fachhochschulreife. So unterschiedlich die Lebensbedingungen sind, so vielseitig sind die Probleme der Menschen. Die medizinische Versorgung etwa könnte in Zukunft für die weniger gut angebundenen Kommunen zum Problem werden, während sie in Darmstadt und den größeren Kommunen keine Sorge bereitet. Ein Thema dagegen, das Bürger überall umtreibt, ist das Wohnen. Auf der einen Seite Wohnungsmangel und sehr hohe Mieten, lange Wartezeiten auf Sozialwohnungen und für Durchschnittsverdiener kaum bezahlbare Immobilienpreise in den Zuzugskommunen, auf der anderen Seite Orte, in denen Häuser und Hofreiten leer stehen und Bauplätze brachliegen.

Auch der Verkehr, die Anbindung des Landkreises und die Luftverschmutzung in Darmstadt sind zentrale Probleme. Darmstadt verzeichnet in der Hügelstraße regelmäßig hessische Höchstwerte für Stickoxide. Auf der anderen Seite sind hier mit 17 Prozent überdurchschnittlich viele Radfahrer unterwegs.

Streitthema ICE-Anbindung

Eines der zentralen Wahlkampfthemen ist die Vollanbindung Darmstadts an die ICE-Strecke. Bislang ist im Bundesverkehrswegeplan eine Neubaustrecke geplant, die an Darmstadt vorbeiführt und nur über eine Nordanbindung verknüpft werden soll. Ohne Südanbindung fahren jedoch Fernzüge an Darmstadt vorbei. Gegen das Großprojekt machen indes Umweltschützer mobil, da die Strecke durch den klimatisch bedeutsamen Westwald führen soll.

Auch der zunehmende Fluglärm treibt die Menschen um. Gerade im Darmstädter Norden ist die Belastung größer geworden. Doch angestrebte Ausweichrouten des Frankfurter Flughafens bringen wiederum Kommunen wie Erzhausen zum Erzittern.

Der künftige Vertreter des Wahlkreises muss zwischen Stadt und Land vermitteln können. Von Vorteil dürfte für die Bewerberinnen der beiden stärksten Parteien sein, dass sie seit Jahren Bürgermeisterinnen im Landkreis Darmstadt-Dieburg sind: Astrid Mannes (CDU) in Mühltal und Christel Sprößler (SPD) in Roßdorf. Die Bewerberin der drittstärksten Partei, Daniela Wagner (Grüne), ist Landesvorsitzende der hessischen Grünen und Ehefrau des ebenfalls grünen Darmstädter Oberbürgermeisters Jochen Partsch.

http://www.fr.de/rhein-main/bundestagswahl-frankfurt-rhein-main/wahlkreise-in-rhein-main/darmstadt-zwischen-weltraum-und-pferdekoppel-a-1336599

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